Lipödem verstehen und behandeln: Austausch mit Roschan Loghmanieh in Viersen

Ein besonderer Abend in Viersen für unsere Lipödem-Selbsthilfegruppe

Das letzte Treffen unserer Lipödem-Selbsthilfegruppe in Viersen war ein voller Erfolg. Zwei Stunden lang stand uns Roschan Loghmanieh von der Grafental-Klinik Düsseldorf für eine offene Fragerunde zur Verfügung.

Offene Fragerunde zu Lipödem mit Roschan Loghmanieh

Etwa 40 Teilnehmerinnen kamen aus Viersen, Mönchengladbach und dem gesamten NRW-Raum. Umso wertvoller war es, direkte Antworten auf unsere Fragen zu bekommen – sei es zu Operationen, Ernährung oder den aktuellen politischen Entwicklungen.

Herr Loghmanieh begegnete uns mit großer Offenheit und Empathie. Er betonte immer wieder, wie wichtig es sei, den ganzen Menschen zu sehen – und nicht nur das Lipödem. Seine praxisnahen Tipps, fachlichen Einschätzungen und auch kritischen Anmerkungen gaben uns viele neue Denkanstöße.

Im Folgenden findest du eine strukturierte Zusammenfassung der Inhalte dieser wertvollen Fragerunde.


1. Neue G-BA-Regelung: Ein enger Korridor für Patientinnen

Ein zentrales Thema war die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), die ab Januar greift. Diese Regelung soll eigentlich die Liposuktion beim Lipödem besser einbinden, führt aber in der Praxis zu massiven Einschränkungen:

  • Kaum Chancen auf Bewilligung: Der gesetzlich geschaffene Rahmen ist so eng, dass nur sehr wenige Patientinnen profitieren werden.
  • Vergütungen werden voraussichtlich gesenkt: Kliniken erhalten künftig aller Voraussicht nach geringere Honorare, was die Durchführung wirtschaftlich unattraktiv macht. Viele Einrichtungen könnten sich zurückziehen oder die angebotenen Lipödem-Liposuktionen drastisch reduzieren.
  • Nachkontrolle durch den Medizinischen Dienst: Bis zu zwei Jahre nach einer OP kann eine Krankenkasse von Kliniken die zunächst übernommenen Kosten zurückfordern. Der Medizinische Dienst darf die Kostenübernahme hierzu prüfen. Das schafft Unsicherheit für Kliniken und Betroffene.
  • Ein wichtiger und guter Aspekt des G-BA-Beschlusses ist die Öffentlichkeit, die das Thema Lipödem sowohl bei Ärzten als auch in der Bevölkerung dadurch bekommen hat. Dies kann bei der Aufklärung sehr helfen.

Roschan Loghmanieh brachte es klar auf den Punkt: So, wie die Regelung aktuell gestaltet ist, wird kaum eine Klinik langfristig noch Liposuktionen in erforderlichem Maße anbieten.

Die wichtigsten aktuellen Punkte zum Beschluss hat Roschan Loghmanieh in diesem Dokument freundlicher Weise für uns aufbereitet:


2. Hautstraffungen: Ein unterschätztes Thema

Viele Betroffene müssen nach der Liposuktion mit überschüssiger Haut rechnen. Doch die Kostenübernahme durch Krankenkassen ist eher die Ausnahme:

  • Nur wenn Folgeerkrankungen wie Entzündungen auftreten, kann ein Antrag über den medizinischen Dienst oftmals erfolgreich sein.
  • Oberarme und Oberschenkel sind besonders häufig betroffen.

Hier wurde deutlich, wie groß die Lücke zwischen medizinischer Notwendigkeit und realer Kostenübernahme oft ist.


3. OP-Methoden: Was ist erlaubt und sinnvoll?

Roschan Loghmanieh erklärte klar, welche Methoden in Deutschland offiziell zugelassen sind:

  1. Wasserstrahl-assistierte Liposuktion (WAL): spitze Kanüle, gleichzeitige Wassereinspritzung
  2. Power-assistierte Liposuktion (PAL): stumpfe Kanüle, mechanisch vibrierend, Wassereinspritzung vorab

Welche Technik angewendet wird, hängt stark von Patientin und Operateur ab. Plasmastraffung, oft beworben, sei nicht zwingend die beste Wahl.

Eine Besonderheit: Bis zu 3 Liter Fettabsaugung sind auch ambulant möglich, allerdings nur bei bestimmten Patientengruppen, abzuraten ist die ambulante Behandlung z.B. bei Stadium 3 oder mit Vorerkrankungen.

Insbesondere im Vorfeld einer Liposuktion sollte eine genaue Anamnese hinsichtlich eines Lymphödems erfolgen. Aus Sorge um ein möglicherweise durch eine OP entstehendes Lymphödem sollte nicht auf eine OP verzichtet werden, vielmehr sollten Klinik und Operateur gut gewählt werden.


4. Kosten einer Liposuktion: Transparenz ist wichtig

Viele Betroffene beschäftigt die Frage nach den tatsächlichen Kosten. Roschan Loghmanieh gab konkrete Zahlen zur Orientierung:

  • Vorderseite beide Oberschenkel, 1 OP: ca. 5.700 €
  • Rückseite beide Oberschenkel, 1 OP: ca. 5.800 €
  • beide Unterschenkel, 2 OP: 3.500–4.000 € pro OP
  • beide Oberarme, 1 OP: ca. 4.400 €
  • Gesamtkosten Stadium 2: ca. 23.800 €
  • genannt sind reine Liposuktions-Kosten inkl. Vor- und Nachsorge sowie Klinikaufenthalt
  • Kosten für Anästhesie kommen hinzu und werden pro Stunde berechnet

Ein wichtiger Hinweis: Mit Mehrwertsteuer gilt eine OP als Schönheits-OP, ohne Mehrwertsteuer auf der Rechnung als medizinischer Eingriff. Ästhetische Wünsche der Patientinnen sollten bei der OP berücksichtigt werden, können die Kosten aber ggf. beeinflussen.


5. Ernährung und Alltag: Kleine Routinen mit großer Wirkung

Sehr spannend waren die alltagstauglichen Ernährungstipps von Roschan Loghmanieh:

  • Häufige kleine Kohlehydratmengen vermeiden: Häufige kleine Snacks (z. B. Trauben, Kekse, Kaffee mit Milch und Süßstoff) halten den Insulinspiegel permanent hoch und verhindern so die Verbrennung von Fettreserven. Besser sind regelmäßige Mahlzeiten und dazwischen kalorienlose Getränke wie Wasser, ungesüßter Kaffee oder Tee. Auch auf Getränke mit Süßstoffen (Zero- oder Light-Getränke) sollte man verzichten, da auch sie das Insulin erhöhen.
  • Cheat Days erlaubt: Am Wochenende darf man mal schlemmen, unter der Woche ist Disziplin gefragt. Überprüfung des persönlichen Alltags im Hinblick auf den ersten Punkt.
  • Proteinreiche Ernährung nach OP: Unterstützt die Heilung und hilft, das Gewicht stabil zu halten.

Besonders eindrücklich: „Zwölf Trauben über den Tag verteilt können theoretisch schon den kompletten Energiebedarf decken – kleine Mengen summieren sich schnell.“


6. Sport und Bewegung: Was wirklich hilft

Auch Bewegung war ein wichtiges Thema:

  • Keine Sportart ist schlecht für das Lipödem!
  • Optimal: Schwimmen oder Aquagymnastik – gelenkschonend und effektiv, außerdem gleichzeitig Lymphdrainage-Effekt.
  • Krafttraining ist auch erlaubt, sollte aber mit kleinen Gewichten und vielen Wiederholungen erfolgen. Große Muskeln können die ästhetische Wahrnehmung verschlechtern.

7. Lipödem und Forschung: Zwischen Unsicherheit und Fortschritt

  • Das Lipödem ist medizinisch bis heute nicht mit letzter Sicherheit nachweisbar. Eine gründliche Anamnese und persönliche Schilderungen der Patientin sind entscheidend.
  • Neben der Untersuchung sollte mit der Patientin auch die Schmerzskala und ihre Ausprägung in der verschiedenen Graden genau besprochen werden, um einen gemeinsamen Blick auf das Schmerzerleben der Patientin werfen zu können.
  • Ultraschall kann Venen und Fettdicke zeigen, nicht aber das Lipödem diagnostizieren!
  • Es sollte immer der ganze Mensch bei der Behandlung von Lipödem betrachtet werden.
  • Ursachen- und Grundlagenforschung zu Lipödem läuft – u. a. durch Priv.-Doz. Dr. Mojtaba Ghods.
  • Im Medizinstudium wird das Lipödem aktuell nur ca. 10 Minuten behandelt. Das sollte sich ändern.

Auch gesellschaftliche Aspekte wurden angesprochen: Von fehlender Forschungs-Finanzierung durch Pharmafirmen bis hin zum Vergleich mit anderen Frauenkrankheiten wie Endometriose.


8. Blick über den Tellerrand: Abnehmspritze in den USA

Ein Trend, der auch Deutschland immer mehr erreicht: Die Abnehmspritze boomt in den USA. Doch Roschan Loghmanieh warnte:

  • Leichte Wege haben meist Nebenwirkungen.
  • Langzeitfolgen sind noch nicht ausreichend erforscht.
  • Absetzen kann zu unerwünschtem Jo-Jo-Effekt führen.

Für Lipödem-Betroffene ist es daher wichtig, genau hinzusehen und nicht vorschnell auf neue Trends zu setzen.


9. Lipödem und Lebensstil: Mehr als nur Medizin

Spannend war auch die psychosoziale Dimension:

  • Das Erleben von Lipödem und auch das eigene Schmerzempfinden ist stark von Erziehung und Umfeld geprägt.
  • Diäten mit anschließendem Jojo-Effekt „füttern“ das Lipödem – das einmal eingelagerte Lipödem-Fett verschwindet nicht.
  • Eine Operation ist nicht der einzige Weg – auch Ernährung, Bewegung und Akzeptanz spielen eine wichtige Rolle.

10. Fazit: Ein Abend voller Klarheit und Wertschätzung

Das Gespräch mit Roschan Loghmanieh hat uns allen gezeigt, wie wichtig eine ganzheitliche Sichtweise beim Lipödem ist. Von politischen Regelungen über medizinische Verfahren bis hin zu Ernährung und Bewegung – er nahm sich Zeit, jede Frage ernsthaft und ehrlich zu beantworten.

Wir danken Roschan Loghmanieh herzlich für seine Offenheit und Expertise! Abende wie dieser sind für unsere Selbsthilfegruppe unbezahlbar: Sie geben uns Wissen, Mut und das Gefühl, mit unseren Sorgen nicht allein zu sein.

Euer Team der Selbsthilfegruppe Lily-Leben


Häufige Fragen (FAQ)

1. Übernimmt die Krankenkasse die Liposuktion beim Lipödem?
Nur in seltenen Fällen und unter sehr engen Voraussetzungen. Die neue G-BA-Regelung macht es für viele Betroffene sogar schwerer.

2. Welche OP-Methoden sind in Deutschland erlaubt?
Wasserstrahl-assistierte Liposuktion und Power-assistierte Liposuktion.

3. Was kostet eine Liposuktion?
Die Kosten variieren je nach Körperregion, im Stadium 2 liegen sie insgesamt bei etwa 23.800 € plus Anästhesie.

4. Ist Sport bei Lipödem sinnvoll?
Ja! Optimal ist Schwimmen. Auch leichtes Krafttraining mit vielen Wiederholungen ist empfehlenswert.

5. Kann Ernährung das Lipödem beeinflussen?
Ja – besonders Insulinspitzen durch häufige kleine Snacks verstärken das Problem. Eine proteinreiche, ausgewogene Ernährung ist hilfreich.

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